Grünflächenpflege, Boden-, Gewässer- und Landschaftsschutz
Dresden - 19.05.2022

Miniklein und doch riesengroß

Seit 20 Jahren werden die vom Aussterben bedrohten Flussperlmuscheln in Sachsen nachgezüchtet und seit einigen Jahren auch ausgewildert.

Erstmalig konnten nun Muschellarven dieser Nachzucht auf den Kiemen von heimischen Bachforellen nachgewiesen werden. Das Ergebnis beweist, dass sich die Bemühungen für die Nachzucht gelohnt haben. Und es spornt an, den Lebensraum der Muscheln weiter zu verbessern, damit sie zukünftig ohne menschliche Hilfe überleben können.

Die Flussperlmuschel ist vom Aussterben bedroht und kommt in Sachsen nur noch in wenigen Gewässern im mittleren und oberen Vogtland vor. Doch auch dort ist ihr Lebensraum schon länger nicht mehr für den besonders sensiblen Nachwuchs geeignet. Die Art wäre mittlerweile in Sachsen nahezu ausgestorben, wenn nicht seit zwei Jahrzehnten ein von verschiedenen Akteuren unterstütztes Nachzuchtprogramm die genetische Vielfalt gesichert hätte. Aktuell engagieren sich in Sachsen der Vogtlandkreis mit Unterstützung des sächsischen Umweltministeriums(SMEKUL), die Sächsische Landesstiftung Natur und Umwelt (LaNU) und das Institut für Hydrobiologie der TU Dresden für die Nachzucht der Flussperlmuschel und Aufwertung ihres Lebensraumes im Rahmen Projektes »MARA - Margaritifera Restoration Alliance«. Das Vorhaben wird im Bundesprogramm Biologische Vielfalt durch das Bundesamt für Naturschutz mit Mitteln des Bundesumweltministeriums gefördert.

Erst 2020 begleitete der sächsische Umweltminister, Wolfram Günther, die Auswilderung von ca. 1.300 zum großen Teil geschlechtsreifen Muscheln. Sicher sind auch einige von ihnen Grund für die Freude des MARA-Teams, denn die nachgezüchteten Tiere haben selbst Nachwuchs hervorgebracht: Kürzlich wurden alle vier aktuell mit nachgezüchteten Flussperlmuscheln besiedelten Gewässer im oberen Vogtland untersucht. Über eine schonende Elektrobefischung wurden die dort heimischen Bachforellen kontrolliert, die für die Fortpflanzung der Muschel zwingend notwendig sind. In allen Gewässern wurden Fische gefunden, die die Larven der Muscheln seit dem letzten Sommer auf ihren Kiemen tragen. Sie werden in den nächsten Wochen mit einer Größe von etwa 0,4 mm natürlicherweise von den Bachforellen abfallen.

Dass die nachgezüchteten und ausgewilderten Muscheln nun endlich gesunde Larven entwickeln, ist in verschiedener Hinsicht ein wichtiger Erfolg: 

• Einmal ist die Gewässerqualität mittlerweile so gut, dass die Muscheln darin leben können und ausreichend Energie haben, um Larven zu bilden. Vor allem die abwassertechnische Sanierung in den letzten Jahrzehnten macht sich hier bemerkbar. 

• Weiterhin zeigt es, dass sich die Larven der Nachzucht an die lokal vorhandenen Forellenrassen anheften können. 

• Außerdem können die Larven nun zukünftig für die weiterhin noch notwendige Nachzucht verwendet werden, die der Vogtlandkreis in der von der Sächsischen Landesstiftung Natur und Umwelt bereitgestellten Zuchtstation in Bad Brambach (OT Raun) durchführt. 

Damit stehen die Chancen gut, dass neben der »Saale-Linie« auch die genetische Linie aus dem Einzugsgebiet der Weißen Elster langfristig erhalten werden kann, aus der mittlerweile nur noch nachgezüchtete Tiere am Leben sind. Die genetische Vielfalt erhöht zusätzlich die Chancen der Flussperlmuschel, sich wieder stärker in ihrem natürlichen Lebensraum auszubreiten und auf Umweltveränderungen reagieren zu können.

Staatsminister Günther: »Gerade zum Tag der Artenvielfalt am 22. Mai bestätigt uns diese Nachricht: Langfristige Artenschutzbemühungen zahlen sich aus. Wir brauchen dringend mehr Trendwenden in der Gewässerökologie und für den Schutz der Biodiversität. Es kommt auf jede Art an!«

Was nun weiterhin maßgeblich ansteht ist die ebenso anspruchsvolle Aufgabe, den Lebensraum weiter so zu entwickeln, dass die jungen Muscheln auch ohne menschliche Hilfe eine Chance haben. Es ist vor allem der Eintrag von Sedimenten und Nährstoffen aus den meist landwirtschaftlich genutzten Einzugsgebieten der Gewässer, der ein Überleben noch sehr schwierig macht. Genau hier setzen die Akteure des Projektes MARA an: Sie arbeiten zum Beispiel mit dem Hofgut Eichigt, einem großen Landwirtschaftsbetrieb im Einzugsgebiet der Flussperlmuschelgewässer zusammen. Sie wollen gemeinsam mit dem Betrieb Strategien entwickeln, um Sedimente, Wasser und Nährstoffe stärker dort zurückzuhalten, wo sie dem Landwirt nutzen: auf der bewirtschafteten Fläche. Damit hätten die »Muschelenkelkinder« von heute die Chance, in einigen Jahren an der Oberfläche des Bachgrundes zu leben, so wie es ihre nachgezüchteten Eltern heute schon tun.

Wer mehr über die Flussperlmuschel und ihren Schutz wissen möchte, ist herzlich eingeladen, am Samstag den 11. Juni zum Tag der offenen Tür in der Flussperlmuschel-Zuchtstation in Bad Brambach vorbeizuschauen! 

Das Verbundprojekt »MARA – Margaritifera Restoration Alliance« wird im Bundesprogramm Biologische Vielfalt durch das Bundesamt für Naturschutz (BfN) mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz (BMUV) gefördert. Das Team engagiert sich deutschlandweit für den Erhalt der vom Aussterben bedrohten Flussperlmuschel.

Teilen Sie diesen Beitrag


Freistaat Sachsen
direkter Link zum Artikel