Wissenswertes und Sonstiges
Gießen - 12.08.2020
Regierungspräsidium Gießen

Wenn es richtig heiß ist: Das Regierungspräsidium Gießen informiert über Pflichten des Arbeitgebers bei steigenden Temperaturen

Es soll auch in den nächsten Tagen heiß in Mittelhessen bleiben. Bei Temperaturen von über 30 Grad kommt man am Arbeitsplatz schnell ins Schwitzen.

Doch kann der Arbeitgeber auch bei hochsommerlicher Hitze erwarten, dass die Arbeit ganz normal weiterläuft? Das Thermometer im Blick informiert das Regierungspräsidium Gießen (RP) als Aufsichtsbehörde über die Rechte von Arbeitnehmern und die Pflichten von Arbeitgebern bei steigenden Temperaturen.

"Wenn es am Arbeitsplatz zu warm wird, sinken nicht nur Konzentrations- und Leistungsfähigkeit, gleichzeitig steigen die Unfallgefahr und die körperliche Beanspruchung", berichtet Arbeitsschutzexperte Holger Lehnhardt vom RP. Dass Arbeitsräume eine gesundheitlich zuträgliche Raumtemperatur haben müssen, sei durch die Arbeitsstättenverordnung festgelegt. Der Arbeitgeber ist demnach auch verpflichtet - wie bei allen Gefahren am Arbeitsplatz - das Gesundheitsrisiko zu beurteilen und letztlich geeignete Schutzmaßnahmen zu ergreifen.

Um die Gefährdung beurteilen zu können, muss sich der Arbeitgeber an der sogenannten Arbeitsstättenregel "Raumtemperatur" orientieren. Diese konkretisiert die Arbeitsstättenverordnung: Bei sitzenden Arbeiten soll die Temperatur in einer Höhe von 60 Zentimetern und bei stehenden Tätigkeiten in einer Höhe von 110 Zentimetern über dem Fußboden gemessen werden. Zum Schutz der Beschäftigten vor übermäßiger Hitze steht dem Arbeitgeber dann eine Beispielliste mit möglichen Maßnahmen zur Seite: "Dazu gehört etwa den Sonnenschutz effektiv zu steuern, indem man die Jalousien nach der Arbeit schließt, weniger Wärmebelastung durch elektrische Geräte zu erzeugen, das Lüften in den frühen Morgenstunden, Gleitzeitregelungen zur Arbeitszeitverlagerung zu nutzen oder Bekleidungsregeln zu lockern", sagt der RP-Mitarbeiter.

Bei Außenlufttemperaturen von über 26 Grad greift ein Stufenmodell, das den Arbeitgeber in die Pflicht nimmt. Abhängig von der Temperatur im Raum muss er folgende Maßnahmen veranlassen:

Bei der Auswahl der Maßnahmen gilt das sogenannte TOP-Prinzip: Erst T wie technische Maßnahmen ausreizen, dann O wie organisatorische Maßnahmen ergreifen und erst zuletzt P wie personenbezogene Maßnahmen treffen.

Erfüllt der Arbeitgeber die genannten Verpflichtungen oder sorgt er auf andere Weise für gleichwertige Sicherheit und gleichwertigen Gesundheitsschutz, ist das Arbeiten auch bei hohen Temperaturen weiterhin zulässig. Das Bereitstellen einer Klimaanlage gehört übrigens nicht zu den Maßnahmen, die der Arbeitgeber kurzfristig ergreifen muss. Weil hierzulande im Sommer meistens nur wenige Tage extrem heiß sind, sieht der Gesetzgeber keine Verhältnismäßigkeit gegeben.

"Eine Sache sollten die Arbeitnehmer aber selbst beachten: Viel trinken", gibt Holger Lehnhardt zu bedenken. Während ein gesunder Mensch an normalen Tagen etwa zwei Liter bräuchte, kann es bei Arbeiten an warmen Tagen durchaus das Doppelte sein. Wichtig ist, rechtzeitig vor dem Durst zu trinken und die Menge gleichmäßig über den Tag zu verteilen. Kühle - nicht eiskalte - Flüssigkeiten löschen den Durst am besten. "Besonders Mineralwasser mit wenig Kohlensäure, isotonische Getränke, Kräuter- und Früchtetees sowie verdünnte Fruchtsäfte bekämpfen am effektivsten den Durst. Sie ersetzen neben dem Wasser auch die durch das Schwitzen verloren gegangenen Elektrolyte und Mineralstoffe", empfiehlt der Experte.

Weitere Informationen sind auf der Homepage des Regierungspräsidiums Gießen unter www.rp-giessen.de zu finden.

Hintergrund: Lufttemperatur im Raum - Was muss der Arbeitgeber gegen übermäßige Hitze tun?

bis 26 °C

keine Handlungsverpflichtung

über 26 °C

Fenster, Oberlichter und Glaswände müssen mit geeigneten Sonnenschutzsystemen ausgerüstet werden.

Weitere Abhilfe-Maßnahmen aus der Beispielliste sollen getroffen werden

über 30 °C

Fenster, Oberlichter und Glaswände müssen mit geeigneten Sonnenschutzsystemen ausgerüstet werden.

Weitere Abhilfe-Maßnahmen aus der Beispielliste müssen gemäß einer Gefährdungsbeurteilung getroffen werden. Diese müssen zu einer Reduzierung der Beanspruchung der Beschäftigten führen.

über 35 °C

Fenster, Oberlichter und Glaswände müssen mit geeigneten Sonnenschutzsystemen ausgerüstet werden.

Ohne spezielle technische, organisatorische oder persönliche Abhilfe-Maßnahmen ist der Raum als Arbeitsraum nicht mehr geeignet. Notwendig sind Maßnahmen, die auch an Hitzearbeitsplätzen zu treffen sind (z.B. Luftduschen, Wasserschleier, Entwärmungsphasen, Hitzeschutzkleidung). Solche Maßnahmen sind in "normalen Arbeitssituationen" schwer zu realisieren oder greifen sehr stark in den Arbeitsablauf ein. Insofern kann es durchaus geboten sein, die Arbeit räumlich zu verlegen, zeitlich zu begrenzen oder gar einzustellen.

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