Kreislaufwirtschaft
Frankfurt am Main - 16.02.2018

Ökobilanz

Jürgen Bruder, Hauptgeschäftsführer der Industrievereinigung Kunststoffverpackungen, über Müllstrudel im Meer, Kreislaufwirtschaft und Oettingers Plastiksteuer.

 Herr Bruder, was denken Sie, wenn Sie die Bilder von den riesigen Plastikmüll-Strudeln in den Ozeanen sehen?

Ich bin traurig, und es macht mich wütend. Vor allem darüber, dass es in den Weltregionen, die dafür verantwortlich sind, kein vernünftiges Abfallmanagement gibt. Hauptquelle des Mülls sind ja Länder wie zum Beispiel China, Indonesien oder Philippinen. Die Kunststoffe an sich sind nicht das Problem, sondern, wie damit umgegangen wird. Sie werden einfach oft nicht gesammelt, in die Landschaft geschmissen, wehen von Müllkippen weg, landen in den Flüssen. Das Ganze wirkt sich negativ auf das Image von Kunststoffverpackungen aus, auch bei uns in Deutschland.

So ganz unbeteiligt ist Deutschland nicht. Über den Rhein zum Beispiel gelangen pro Jahr bis zu 580 Tonnen Plastikmüll ins Meer ...

Jede Tonne ist eine zu viel. Doch im internationalen Vergleich ist der Eintrag vergleichsweise gering. Nur rund zwei Prozent des Meeresmülls kommen aus Europa und Nordamerika, das meiste stammt aus Südostasien, Afrika und Südamerika.

Haben Sie selbst schon in einem Verpackungsfrei-Supermarkt eingekauft?

Nein, habe ich noch nicht. Aber nicht, weil ich es uninteressant fände. Es hat sich einfach noch nicht die Gelegenheit ergeben.

Immerhin arbeiten selbst Aldi, Rewe und Co. daran, den Verpackungsaufwand zu reduzieren, Plastiktüten gibt es nicht mehr oder nur gegen Gebühr. Eine unnötige Strategie?

Nein, nicht unnötig. Verpackungen zu reduzieren, die nicht unbedingt zum Schutz der verpackten Güter erforderlich sind, ist ein sinnvolles Ziel. Ich selbst benutze zum Einkaufen Körbe oder Kunststoffboxen, ich verzichte weitgehend auf Kunststoff-Tragetaschen. Mich ärgert allerdings, dass oft mit falschen Argumenten gearbeitet wird. Wenn es heißt, wir schaffen die Plastiktüten in deutschen Supermärkten ab, um die Plastikstrudel in den Weltmeeren zu beseitigen, ist das irreführend. Tatsächlich werden hierzulande 99 Prozent der Kunststoff-Tragetaschen verwertet. Das heißt, sie gehen über den Gelben Sack ins Recycling oder in die Müllverbrennung zur Stromgewinnung. Papiertüten sind in der Ökobilanz übrigens keineswegs besser. Aldi berücksichtigt diese Tatsache, dort hat man beide Arten Tüten aus den Geschäften genommen.

Ein großer Einschnitt für Ihre Branche und die Recycler ist, dass China jetzt Importe von Plastikmüll, auch aus Deutschland, gestoppt hat. Man wolle die Umwelt und die Gesundheit der Menschen schützen, sagt Peking. Wie reagieren Sie darauf?

Die chinesische Entscheidung ist nachvollziehbar. Wir sehen die neue Lage durchaus als Chance für die europäische Kunststoff-Verwertung, auch wenn es jetzt Engpässe gibt. Deutschland konnte bisher rund 500 000 Tonnen nach China liefern, übrigens praktisch kein Grüne-Punkt-Material, sondern Gewerbeabfälle. Das fällt jetzt weg, und Verwertungskapazitäten fehlen. Doch ich schätze, in zwei, drei Jahren dürfte das gelöst sein – weil neue Recyclingwerke in Europa entstehen werden.

Gibt es überhaupt genug Bedarf für so viel Recycling-Plastik?

Theoretisch durchaus. Bisher liegt der Anteil von Recycling-Kunststoffen in Kunststoffverpackungen in Deutschland nur bei acht Prozent. Das lässt sich deutlich steigern – wenn die Qualität des recycelten Rohstoffs gleichbleibend hoch genug ist und die Liefersicherheit garantiert wird. Das ist aber bisher oft nicht der Fall. Daran muss gearbeitet werden. Und das fängt schon beim Verbraucher an, der eine wichtige Funktion bei der richtigen Beschickung des Gelben Sack hat und ihn nicht als zweiten Mülleimer betrachten darf.

Die EU will den Plastikmüll reduzieren und fordert besseres Recycling. Was halten Sie von der jüngst vorgestellten Plastik-Strategie?

Wir unterstützten die EU-Kommission. Das Ziel ist es, bis 2030 sämtliche Kunststoffverpackungen wiederverwendbar oder recyclingfähig zu machen. Heute ist das in Deutschland bei zwei Dritteln der Fall. Beim Rest ist es in einigen Segmenten schwierig, weil zum Beispiel der Schutz von Fisch oder Fleisch besonders anspruchsvolle Verpackungen benötigt. Aber wir glauben, dass es zu schaffen ist.

EU-Haushaltskommissar Günther Oettinger hat eine Plastiksteuer vorgeschlagen. Lassen Sie mich raten: Die gefällt Ihnen nicht.

Von der halten wir wirklich gar nichts. Ich kann nicht sehen, dass sie eine sinnvolle Steuerungswirkung entfalten kann. Das war ein populistischer Vorstoß Oettingers mit dem Ziel, die durch den Brexit wegfallenden Finanzmittel zu kompensieren.

Umweltexperten fordern eine echte Kreislaufwirtschaft, statt nur braune und schwarze Blumentöpfe aus dem Grüne-Punkt-Müll zu machen. Gehen Sie da mit?

Was haben Sie gegen Blumentöpfe? Es ist doch besser, sie aus Recycling-Kunststoff zu machen, statt aus Erdöl. Die Vorstellung, alles komplett im Kreislauf zu fahren, also auch aus Lebensmittel-Verpackungen wieder Lebensmittel-Verpackungen zu machen, funktioniert nicht. Hier stellt das Lebensmittelrecht so hohe Anforderungen an die Qualität, dass das durch Recycling-Kunststoffe nicht zu leisten ist. Ausnahme ist PET, wie es für Getränkeflaschen genutzt wird. Ansonsten gibt es heute durchaus schon hochwertige Einsatzmöglichkeiten für Sekundär-Rohstoffe. Aus Grüne-Punkt-Material kann man neue Verpackungen im Non-Food-Bereich machen, zum Beispiel Flaschen für Reinigungsmittel, oder Produkte für den Bausektor wie Kabelschutz- oder Abflussrohre. Das ist noch ausbaufähig, und daran arbeitet die Kunststoff-Industrie. Doch irgendwann, am Ende einer Kaskade von mehreren Kreisläufen, bleibt nur die energetische Verwertung in Zement- oder Müllkraftwerken.

Letzte Frage: Irgendwann werden Erdöl und Erdgas komplett ausgebeutet sein, die heute über 99 Prozent des Rohstoffs für Plastik liefern. Was passiert dann?

Da habe ich keine Sorge. Erstens wird das noch sehr lange dauern. Und dann gilt: Wir brauchen als Rohstoffe Kohlenwasserstoffe, nicht unbedingt Erdöl oder Erdgas. Kohlenwasserstoffe kann man aus nachwachsenden Rohstoffen erzeugen, aber mit entsprechendem Energieaufwand auch aus CO2, das man aus der Luft holt, oder aus anorganischem Material wie etwa Kalkstein. Es ist nur eine Frage der Kosten.

Zur Person:

Jürgen Bruder hat in Berlin Chemie studiert und dort auch promoviert. Danach war der heute 63-Jährige zunächst im Kunststofftechnikum der TU Berlin tätig. 1991 trat er eine Stelle bei der Industrievereinigung Kunststoffverpackungen (IK) an. Dort war er zunächst als Referent, später als Geschäftsführer für Umwelt, Technik und Verbraucherschutz tätig. Seit 2006 ist Bruder Hauptgeschäftsführer der IK.

Die Industrievereinigung Kunststoffverpackungen e. V. ist ein Bundesverband der Hersteller von Kunststoffverpackungen und Folien in Deutschland und Europa. Mit mehr als 300 Mitgliedsunternehmen ist die IK mit Sitz in Bad Homburg der größte Verband in der europäischen Kunststoffverpackungsbranche.

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