Öffentlicher Personennahverkehr
Neu-Ulm - 16.02.2018
Dieser Anblick bietet sich vielfach auf unseren Straßen: Fahrradfahrer sehen nur die Rücklichter im Auto-Gewimmel. Das soll anders werden: Mehr Radler und weniger Autofahrer sollen künftig das Verkehrsbild im Landkreis Neu-Ulm prägen.Foto: Fotolia

Wie der Landkreis Neu-Ulm gegen Feinstaub und Treibhauseffekt vorgeht 

Feinstaubalarm, Treibhauseffekt, verstopfte Straßen, lärmgeplagte Anwohner: Es sind drei aktuelle Nachrichten, aus denen der Ernst der Lage spricht.

Meldung 1: Aufgrund der Erderwärmung ist der Meeresspiegel in den vergangenen Jahren weit schneller angestiegen als bisher erwartet. Meldung 2: Die Unterhändler für eine neue Große Koalition im Bund haben ihr selbst gestecktes Klimaschutzziel für das Jahr 2020 aufgegeben. Meldung 3: Die Bundesregierung erwägt einen kostenfreien Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV), damit mehr Menschen vom Auto auf Busse, Züge und Straßenbahnen umsteigen. Auch im Landkreis Neu-Ulm muss gehandelt werden.

Die Kreispolitik setzt vor allem auf ein 30-Punkte-Programm, das 2017 im Rahmen des Klimaschutz-Teilkonzepts Mobilität (Mobilitätskonzept) verabschiedet worden ist. Im vorigen Jahr wurde mit der Verwirklichung der ersten acht Projekte begonnen. Heuer sollen weitere 14 Maßnahmen in Angriff genommen werden. Das wird Landrat Thorsten Freudenberger am 28. Februar 2018 bei der gemeinsamen Sitzung des Umwelt- und Werkausschusses sowie des Wirtschafts- und Verkehrsausschusses vorschlagen.

Ein Schwerpunkt des Mobilitätskonzepts ist die massive Förderung des Radverkehrs. „Radfahren ist emissionsfrei, also klimafreundlich und fördert zudem die Gesundheit“, begründet Florian Drollinger, der Klimaschutzmanager des Landkreises Neu-Ulm. Als Leitmodelle sieht er Städte wie Kopenhagen, Amsterdam oder das deutsche Münster in Nordrhein-Westfalen, die „mit ihrem sehr hohen Radverkehrsaufkommen in Rankings der lebenswertesten Städte regelmäßig auf vorderen Plätzen landen“.

Attraktiver gemacht werden soll zudem die Nutzung des Öffentlichen Personennahverkehrs. Mittelfristig angestrebt wird der Ausbau der Illertalbahn als Teil einer künftigen Regio-S-Bahn. Landrat Freudenberger ist der Vorsitzende der Interessengemeinschaft (IG) Illertalbahn. Für 2019 stehen Mobilitätsstationen auf dem Realisierungsplan. Angedacht ist, dort umweltfreundliche Fortbewegungsmöglichkeiten (auch Carsharing) bereitzustellen. Eine Mobilitätskampagne soll die neuen Angebote bewerben, zu denen auch eine Mitfahrbörse, der Pfiffibus und das preisgünstige DING-Jobticket für Berufspendler gehören.

Das Landratsamt will als Vorbild vorangehen und seinem Personal einen starken Anreiz geben, auf Bus und Bahn für den Weg zum und vom Arbeitsplatz umzusteigen. Geplant ist, jedes Jobticket zu bezuschussen, das eine Mitarbeiterin beziehungsweise ein Mitarbeiter kauft.

Was den Autoverkehr anbelangt, ist die Belastungsgrenze von Mensch und Umwelt auch in der Region überschritten. Darin sind sich mittlerweile die meisten einig. Erich Sailer, der Leiter des Fachbereichs Verkehr im Landratsamt, untermauert diese Einschätzung mit Zahlen: Im Landkreis Neu-Ulm kommen demnach auf 1000 Einwohner 882 Kraftfahrzeuge. Der bundesweite Durchschnitt liegt bei 684 Kfz. In den letzten 25 Jahren stieg die Zahl der zugelassenen Kraftfahrzeuge im Landkreis Neu-Ulm von 76.864 (Ende 1992) auf 150.824 (Ende 2017). Das ist fast eine Verdoppelung. Binnen der ersten eineinhalb Monate des laufenden Jahres verzeichnete die Statistik der Kfz-Zulassungsstelle nochmals eine Zunahme um rund 2800 motorisierte Fahrzeuge.

Dabei, so Sailer, habe der Landkreis „ein gutes, vertaktetes ÖPNV-Angebot bis in die Abendstunden und am Wochenende“. Vor allem durch Bus-/Zugverknüpfungen könne häufig eine kürzere Fahrzeit als mit dem Auto erreicht werden. Sailer verweist zum Beispiel auf die Reaktivierung der Bahnstrecke Weißenhorn – Neu-Ulm. Dadurch sei es möglich, mit dem „Bähnle“ in 24 Minuten die Distanz zwischen den beiden Städten zurückzulegen. „Da schaffen Sie mit dem Auto nicht!“, so der Verkehrsexperte.

Die Überlegungen der Bundesregierung, den ÖPNV kostenfrei nutzen zu lassen, findet Erich Sailer „interessant, aber kaum realisierbar“. Schier unüberwindliche Probleme sieht er zum einen in den höheren Kapazitäten (mehr Busse, mehr Züge, mehr Personal, bessere Infrastruktur), die es bräuchte, um die zu erwartende deutliche Zunahme der Nutzerzahlen zu bewältigen. Schon allein in dieser Hinsicht stelle sich die Frage: Wer soll das bezahlen? Ganz zu schweigen von den Kosten der gesamten Gratis-Operation: Erich Sailer hat mit seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Berechnungen angestellt. Demnach müsste der Bund allein für den Bereich des Landkreises Neu-Ulm jährlich ein Gesamtdefizit von 10,9 Millionen Euro ausgleichen, wovon etwa 61 Prozent auf entgangene Fahrgeldeinnahmen entfielen.

So etwas nennt man wohl eine „Utopie“, einen Ort, den es eigentlich geben müsste, der aber wahrscheinlich nie Realität werden wird.

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