Klimawandel, Lärmschutz, Nachhaltigkeit
Bremen - 19.05.2022

Die Bremer Stadtreinigung ist jetzt gemeinwohlbilanziert

Die Bremer Stadtreinigung (DBS) hat als erstes Bremer Kommunalunternehmen die Gemeinwohlbilanzierung (GWÖ) durchgeführt. Gefördert wurde das Projekt vom Land Bremen im Rahmen der „Förderung der Solidarischen Wirtschaft, Genossenschaften und Social Entrepreneurship“. 

Das Thema „Nachhaltigkeit“ ist omnipräsent. Fast jedes Unternehmen wirbt mit grünen Produkten, wiederverwendeten Materialien und will den Nutzerinnen und Nutzern das Gefühl geben, mit dem Kauf oder der Benutzung des Produkts auch noch ein kleines Stück die Welt zu retten. Zwischen Greenwashing und echten Ambitionen steht jedoch immer auch die Frage, wie viel Nachhaltigkeit das aktuelle Wirtschaftssystem überhaupt zulässt.

Die GWÖ versteht sich als alter[1]native Wirtschaftsform und setzt dabei Nachhaltigkeit und die Lebensgrundlagen des Menschen an erste Stelle.

Genau hier setzt die Gemeinwohlökonomie (GWÖ) an. Die GWÖ versteht sich als alternative Wirtschaftsform und setzt dabei Nachhaltigkeit und die Lebensgrundlagen des Menschen an erste Stelle. Sie bietet mit der Gemeinwohlbilanz eine besondere Art von Nachhaltigkeitsbericht, der seinen Platz neben der finanziellen Bilanz und der GuV einnimmt und durch ein externes Audit geprüft wird. Die Bilanzierungsunterlagen sind auf der Website der GWÖ per Download frei verfügbar: www.ecogood.org. Die Bremer Stadtreinigung (DBS) hat die Gemeinwohlbilanzierung im Jahr 2021 als erstes Kommunalunternehmen in Bremen durchgeführt. Gefördert wurde das Projekt vom Land Bremen im Rahmen der „Förderung der Solidarischen Wirtschaft, Genossenschaften und Social Entrepreneurship“.

Nachhaltigkeit in allen Bereichen des Unternehmens leben 

Das Herzstück der Gemeinwohlbilanz ist die Gemeinwohl-Matrix. Hierin werden die vier Wertedimensionen in Beziehung gesetzt. Daraus ergeben sich 20 Themenfelder, anhand derer die Unternehmen ihren Beitrag zum Gemeinwohl überprüfen und bewerten. Die 20 Themenfelder gliedern sich jeweils in 2-3 Unterkategorien. Die unternehmerischen Aktivitäten werden so in Bezug auf rund 60 Unterkategorien sowohl textlich als auch durch die Erhebung von circa 135 Indikatoren in einem Gemeinwohlbericht beschrieben. Ein Arbeitsbuch mit anleitenden Berichtsfragen und verpflichtenden Indikatoren dienen dafür als Leitfaden. Betrachtet wird ein Zeitraum von zwei Jahren. Die Gemeinwohl-Matrix lässt sich zudem auf die Umsetzung der 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen, die sogenannten Sustainable Development Goals (SDGs), anwenden. 

Einhaltung von gesetzlichen Standards reicht nicht aus 

Die Bewertungsmaßstäbe der GWÖ sind sehr ambitioniert. Die Basislinie umfasst die Erfüllung der gesetzlichen Anforderungen. Punkte gibt es nur, wenn das Unternehmen über diese Anforderungen hinaus nachhaltig ist: vorbildlich (7-10 Punkte), erfahren (4-6 Punkte), fortgeschritten (2-3 Punkte), erste Schritte (1 Punkt), Basislinie (0 Punkte). Pro Themenfeld können 50 Punkte erreicht werden. Bei 20 Themenfeldern ergibt sich somit eine maximale Bilanzsumme von 1.000 Punkten. Es sind aber auch Negativ-Bewertungen bis zu minus 3.600 Punkten bei gemeinwohlschädigendem Verhalten möglich. Projektziele DBS wurde 2018 als Anstalt öffentlichen Rechts neu gegründet. Nach drei Jahren intensiver Arbeit an Unternehmensaufbau und -entwicklung bot sich mit dem Projekt der Gemeinwohlbilanzierung die Chance, die bisherigen Aktivitäten kritisch zu hinterfragen und neue Impulse zu generieren. Neben der Standortbestimmung war es das Ziel, das Bewusstsein für das Thema Nachhaltigkeit im gesamten Unternehmen zu schärfen. Eine Projektgruppe, zusammengesetzt aus Führungskräften und Mitarbeitenden aus den von der Gemeinwohl-Matrix tangierten Bereichen, hat unter Begleitung einer zertifizierten GWÖ-Beratung ein Jahr lang den Bilanzierungsprozess durchlaufen. 

Potenziale erkennen und umsetzen 

Als kommunales Unternehmen der Daseinsvorsorge sind viele gemeinwohlorientierte Werte bereits in der Unternehmensstrategie von DBS verankert. Durch den wertebasierten 360-Grad-Blick der Gemeinwohl-Matrix ließ sich gut herausarbeiten, in welchem Maße diese Werte umgesetzt werden beziehungsweise in welchen Bereichen Verbesserungspotenziale bestehen. Hier ein paar Beispiele: In der Berührungsgruppe „Mitarbeitende“ konnte sich DBS in vielen Bereichen als „erfahren“ einstufen. In den Feldern „Förderung des ökologischen Verhaltens“ und „Innerbetriebliche Mitentscheidung“ hingegen wurden Entwicklungspotenziale identifiziert. Während die vielfältigen Maßnahmen zur Entwicklung der Unternehmens- und Führungskultur als beachtlich angesehen wurden, zeigte sich in Bezug auf die Messung ihrer Wirksamkeit Handlungsbedarf. In der Berührungsgruppe „gesellschaftliches Umfeld“ wirkte sich das Vorhandensein des Umweltmanagementsystems EMAS (Eco Management and Audit Scheme) im Betrieb der Deponie im Themenfeld „Reduktion ökologischer Auswirkungen“ positiv auf die Bewertung aus. Weitere Potenziale sollen nun durch die Ausweitung von EMAS auf das gesamte Unternehmen gehoben werden. Im Zuge dessen werden auch die internen Strukturen für zukünftige Nachhaltigkeitsberichte gebündelt. Entsprechend wurden auch zu den anderen Berührungsgruppen Maßnahmen definiert. Eine Herausforderung für DBS lag darin, die Bewertungskriterien auf das eigene Unternehmen zu übertragen, da der Leitfaden der GWÖ nicht speziell auf kommunale Unter[1]nehmen ausgerichtet ist. Einige Kriterien und Indikatoren ließen sich nicht anwenden oder mussten erst adaptiert werden, um diese im Sinne der GWÖ anwenden und bewerten zu können.

Fazit und Ausblick 

Der Gemeinwohlbericht von DBS umfasst 80 Seiten. Für die Projektvorbereitung, die Erstellung des Berichts und die Durchführung von acht Workshops wurden rund 1.000 Stunden aufgewendet. Insgesamt hat sich der Aufwand gelohnt. Hervorzuheben sind die spannenden fachübergreifenden Diskussionen und das große Engagement aller Projektbeteiligten. Schließlich wird es nicht auf die erreichten Punkte ankommen, sondern darauf, welche kreativen Lösungen sich aus der nachhaltigen Auseinandersetzung mit den Themen entwickeln. Mit der Erlangung des Prüfergebnisses (Testats) im Mai 2022 ist für DBS der Anspruch verbunden, die Erkenntnisse in Handlungen umzusetzen und alle Berührungsgruppen in die weitere Entwicklung miteinzubeziehen.

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